zum Tod
von Steffen Hinger.
»Er hat die Musik gelebt«,
sagt Unterhausens Pfarrer Thomas Henning über Hinger, »er hat Freude in die Kirchengemeinde gebracht.« Und nicht nur dorthin. Anders ist nicht zu erklären, wie es Steffen Hinger gelungen ist, über mehr als zwei Jahrzehnte Kinder, Jugendliche und Erwachsene in den verschiedensten Ensembles zu binden und immer wieder aufs Neue für die Musik zu begeistern.
»Er hat die Menschen dort abgeholt, wo sie waren«, so Honaus Pfarrer Michael Keller. 1991 hatte er den Kirchenchor in Honau übernommen und nachhaltig geprägt, weil er es »auf einmalige Weise verstand, Text und Musik zu verbinden«. Wer in seinen Chören dabei war, lernte nicht nur zu singen, nein, er wusste nach der Probe auch, warum er einzelne Passagen so oder so singen sollte.
»Er hat die Menschen dort abgeholt, wo sie waren«
Peter Metz, langjähriger Vorsitzender des Sängerbunds Lichtenstein, schätzt die offene Art des Chorleiters. »Er war bereit für alles und er half bei allem.« Den Männerchor hat er 1993 übernommen, den Frauenchor 1998 gegründet und 2006 »Lacuna«, den jungen Chor des Vereins, ins Leben gerufen. »Er war unser musikalischer Motor«, sagt Metz. »Sein Verlust ist sehr schmerzlich.«
»Seine Leidenschaft war hochansteckend«, würdigt Lichtensteins Bürgermeister Peter Nußbaum den »Tausendsassa«. Ein Schock war die Nachricht von Hingers Tod für Irmgard Naumann. »Meine Gedanken sind jetzt vor allem bei seiner Familie«, sagt die Präsidentin des Chorverbands Ludwig Uhland. »Steffen Hinger war ein allseits beliebter Mensch. Er war sehr verlässlich und ein fantastischer Musiker.« Seine besondere Begabung sei sein »Feeling für alle Menschen« gewesen. Hinger hinterlasse eine Lücke, die schwer zu schließen sein werde.
Wie er das alles geschafft hat, das fragten sich viele, die ihn kennenlernten. »Es geht noch«, hat er schon mal geantwortet. Und es ging viel. Mit seiner Familie hat er »Die gantze Hingerey« gegründet, machte mit seiner Frau Helma Hinger und den fünf Kindern Straßenmusik, gab Konzerte. Wie Hinger überhaupt ein großer Familienmensch war, wie Martin Braun betont, der Vorsitzende des Vereins der Freunde des Thomas-Selle-Ensembles: »Er war für die Familie mit voller Kraft da, hat sich um die musikalische Ausbildung gekümmert, und die Ferien gehörten immer ganz der Familie.«
Und noch eine Leidenschaft verband die Familie: die Geologie. Kurz vor dem Abi hatte er geschwankt, ob er nicht lieber dieses Fach studieren sollte, sich aber für die Musik entschieden. Weil er auch diese Leidenschaft gerne mit anderen teilen wollte, richtete er kurzerhand das Mineralienmuseum »Mimus« ein.
Im Münsinger Gymnasium wurde am Freitagvormittag eine Trauerfeier abgehalten: Mit Betroffenheit und Tränen haben Schüler und Lehrer auf den Tod Hingers reagiert, der ebenso wie seine Frau seit Jahren an der Schule unterrichtet. »Unzählige Schüler hat er mit seiner Leidenschaft für die Musik begeistert«, sagt Rektor Karl-Wilhelm Röhm: »Das Schulleben am Gymnasium wurde durch sein ganz persönliches Wirken und durch seine unermüdliche Tatkraft in unvergesslicher Weise bereichert.«
Mehrere Chöre und Orchester für Kinder und Jugendliche aller Altersgruppen sind seit 1996 unter Hingers Regie am Münsinger Gymnasium entstanden, das sich maßgeblich durch das Engagement dieses Lehrers einen Musik-Schwerpunkt erarbeitet hat. Im Schulorchester, der Big Band oder dem Unterstufenorchester, in Chören für Unterstufenschüler oder Ältere wurden ganze Schülergenerationen durch Hingers Schwung und Begeisterung zu großen musikalischen Gemeinschaftsleistungen motiviert, so in von ihm selbst komponierten Musicals.
»Er war sehr verlässlich und ein fantastischer Musiker«
Zusammen mit engagierten Kollegen habe Hinger »Schulkultur geschaffen und gepflegt«, betont Röhm. Er werde Schülern, Lehrern und Eltern als liebevoller Mensch und mitreißender Musiker in Erinnerung bleiben.
Hingers Begabung, aus Ensembles lebendige Gemeinschaften zu formen, zeigte sich auch beim Thomas-Selle-Ensemble. Ursprünglich ging es ihm 1990, am Ende seines Studiums, nur darum, mit ein paar Freunden auf seine Dirigierprüfung zu üben. Doch die Truppe wuchs zu einem festen Klangkörper mit Chor und Orchester. Zahllose Konzerte hat das Ensemble seither gegeben, ist sieben Mal in Voreppe aufgetreten, hat zwei CDs aufgenommen. Hinger hat die frühbarocke Musikwelt einem breiten Publikum erschlossen. Mit seinem Ensemble Sonus Ventorum wagte er sich noch weiter zurück in die farbenprächtige Musikwelt der Renaissance.
»Er konnte unheimlich gut in Worte fassen, was er musikalisch von uns haben wollte«,
sagt Martin Braun, der Vorsitzende des Vereins der Freunde des Selle-Ensembles. »Er hat jeden so akzeptiert, wie er sich einbringen konnte und ihn von diesem Stand aus gefördert.«
Selbst länderübergreifend hat sich Hinger für das menschliche Miteinander eingesetzt, in seinem Engagement für die Partnerschaft Lichtensteins mit Voreppe. Am 19. Mai sollte das Selle-Ensemble den Festakt zum 20-jährigen Bestehen der Partnerschaft umrahmen. Auszüge aus Francesco Cavallis Barockoper »Ercole amante« (der liebende Herkules) hatte Hinger dafür ausgesucht. Die Proben hatten schon begonnen.